{"id":129,"date":"2020-05-02T12:49:34","date_gmt":"2020-05-02T12:49:34","guid":{"rendered":"http:\/\/bruchsal-bergfried.de\/?page_id=129"},"modified":"2021-03-01T18:46:38","modified_gmt":"2021-03-01T17:46:38","slug":"brief-an-ob-bernd-doll-vom-1-4-1990","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/demokratiegeschichte-bruchsal.de\/?page_id=129","title":{"rendered":"Brief an OB Bernd Doll vom 01.04.1990"},"content":{"rendered":"<p>\n<!--StartFragment--><\/p>\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Oberb\u00fcrgermeister,  lieber Bernd,<br>gerne komme ich Deiner Aufforderung nach, einen Vorschlag f\u00fcr die Gestaltung einer Gedenkst\u00e4tte auf dem Gel\u00e4nde der ehemaligen Psycha zu unterbreiten. <\/p>\n\n\n\n<ol><li>Ohne die Aufgaben der gew\u00e4hlten Gremien, Gemeinderat und \u00c4ltestenrat, in Frage stellen zu wollen, k\u00f6nnte ich mir vorstellen, das Thema Gedenken der j\u00fcngeren Vergangenheit in einer breiten Diskussion in der Bev\u00f6lkerung aufzuarbeiten. Eine solche Diskussion, die in der Sache durchaus kontrovers gef\u00fchrt werden kann, k\u00f6nnte viel zur Weiter-Entwicklung des lokalen Geschichtsverst\u00e4ndnisses beitragen.<\/li><li>Die Gestaltung von Gedenkst\u00e4tten sollte konsensf\u00e4hig sein. Beim Gedenken der Opfer der NS-Zeit darf sich nicht nur die politische Mehrheit der Stadt wiedererkennen. Diese Themen taugen nicht f\u00fcr Mehrheitsentscheidungen, sofern in der Sache qualifizierte Minderheiten auftreten. Auch aus diesem Grunde schlage ich vor, vor der endg\u00fcltigen Entscheidung \u00fcber die Gedenkst\u00e4tte der NS-Richtst\u00e4tte der Diskussion im \u00c4ltestenrat eine breite \u00f6ffentliche Diskussion, zumindest in einer Sitzung des Gemeinderates, folgen zu lassen. Nebenbei bemerkt: Kritische, offene und kontroverse Diskussionen vor einer Entscheidung sind allemal sinnvoller als Kritik an einer Entscheidung und sp\u00e4tere Rechtfertigung, die im stillen K\u00e4mmerlein getroffen wurde.<\/li><li>Neben einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer der ehemaligen NS-Richtst\u00e4tte, die nach meiner Vorstellung direkt am Standort der Guillotine ihren Platz haben sollte, bietet sich das Innere des Bergfrieds f\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Aufarbeitung der Geschichte dieses Platzes von den Bauernaufst\u00e4nden und der Hinrichtung Eisenhuts \u00fcber die 1848-Revolution bis zur NS-Zeit mit Wehrmachtsgef\u00e4ngnis und Richtst\u00e4tte an. Ich stelle mir vor, im Innern des Bergfrieds aus wetterfestem Material zu den einzelnen Epochen entsprechende Schautafeln anzubringen. Besonders mit Schulklassen w\u00e4re dann die M\u00f6glichkeit gegeben, eine lokale Geschichtsstunde mit dem Besteigen des Bergfrieds und einem Rundblick \u00fcber die Stadt zu verbinden.<\/li><li>Au\u00dfen am Bergfried k\u00f6nnte mit einer einfachen Schrifttafel auf die Vergangenheit des Areals als Gef\u00e4ngnis mit seinen o.g. vielf\u00e4ltigen historischen Bez\u00fcgen hingewiesen werden.<\/li><li>An allen historisch interessanten Pl\u00e4tzen, Geb\u00e4uden und Stra\u00dfenschildern etc. in der Stadt k\u00f6nnten in den n\u00e4chsten Jahren kleine Hinweistafeln mit einigen Grundinformationen angebracht werden. Somit k\u00f6nnte ein historischer Stadtrundgang geschaffen werden. Ein entsprechender historischer Stadtplan k\u00f6nnte f\u00fcr Fremde und Einheimische als Wegweiser zu diesen Punkten dienen. Die gute Vorarbeit der Friedeninitiative mit ihrer \u201eAlternativen Stadtrundfahrt\u201c m\u00f6chte ich in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen.<\/li><li>Die Namensgebung der S\u00e4le des B\u00fcrgerzentrums sollte wirklich noch einmal \u00fcberpr\u00fcft werden. Es steht einer Stadt gut an, auch einmal eine Fehlentscheidung einzugestehen. Was die Herren Ehrenberg und Rechberg mit einem \u201eB\u00fcrger\u201c-Zentrum des 20. Jahrhunderts gemein haben sollen, kann wohl nicht vermittelt werden. Ich m\u00f6chte es jedenfalls keinem zumuten, diese historischen Bez\u00fcge herstellen zu m\u00fcssen. Ich schlage erneut Brentano und Eisenhut vor.<\/li><li>Im Mai 1999 steht das 150-j\u00e4hrige Gedenken an die Revolutionsereignisse von 1848 an, au\u00dferdem das 50-j\u00e4hrige Bestehen des Grundgesetzes. Dass im November 1999 auch die DDR-Revolution ihr erstes rundes Jubil\u00e4um feiert, sollte heute schon in den Zusammenhang der anderen Daten gestellt werden. Deshalb sollte die Stadt auf alle F\u00e4lle die lokale Geschichte der b\u00fcrgerlichen Revolution des letzten Jahrhunderts aufarbeiten und 1999 zusammen mit dem 50-j\u00e4hrigen Grundgesetz-Jubil\u00e4um und dem 10-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Wiedervereinigung kritisch beleuchten und ausgiebig feiern. Ich denke an Vortr\u00e4ge, Diskussionen, Publikationen, eine Ausstellung, Theaterauff\u00fchrungen und Musik-Veranstaltungen, jeweils zu allen Themen (1848, Grundgesetz, DDR). Das g\u00e4be ein lohnenswertes B\u00fcrger-Festival im B\u00fcrgerzentrum. Damit k\u00f6nnte man auch die Feiern zur Jahrtausendwende mit Inhalten versehen.<\/li><li>Zur Aufarbeitung dieser und anderer historischer Themen schlage ich die Vergabe eines j\u00e4hrlichen Historiker-Stipendiums durch die Stadt vor. In Zusammenarbeit mit einer Historischen Fakult\u00e4t k\u00f6nnte eine Magisterarbeit oder eine Doktorarbeit mit einem Betrag zwischen 5.000 und 10.000 DM (oder mit Sachmitteln, Reisekosten etc.) gef\u00f6rdert werden. Das Thema sollte sich mit einer Fragestellung der Lokalgeschichte befassen. Die Auswahl unter m\u00f6glichen Bewerbern k\u00f6nnte in einem Beirat gef\u00e4llt werden. Die Arbeiten k\u00f6nnten von der Stadt Bruchsal als beispielhafte Buch-Reihe herausgebracht werden.<\/li><li>Bei der Vergabe von Stra\u00dfennamen sind zun\u00e4chst einmal bevorzugt historische Aspekte zu ber\u00fccksichtigen, wobei es nach meiner Meinung unzul\u00e4ssig ist, bei Stra\u00dfenbenennungen eine historische Bewertung der Leistung der Personen vorzunehmen. Man kann einem Hecker eine Stra\u00dfenbenennung in einer badischen Stadt doch deshalb nicht verwehren, weil seine Rolle in der Revolution umstritten ist. Ist etwa die Rolle eines Bismarck als Deutscher Kanzler nicht auch in vielen Fragen sehr umstritten? Also sollten Hecker, Struve, Blind, Bellosa, Hetterich, Brentano u.a. m\u00f6glichst bald eine Stra\u00dfe in Bruchsal bekommen. Ebenso einige der Hingerichteten der NS-Zeit. Zumindest bei den Urteilen des Volksgerichtshofes, die Widerstandshandlungen z. Bsp. Bei Els\u00e4\u00dfern zum Gegenstand hatten, d\u00fcrfte einen Namensgebung nicht strittig sein. Ich h\u00e4tte auch nichts dagegen, den einen oder anderen Volkssch\u00e4dling, zum Beispiel den Sinto Reinhard, mit einer Stra\u00dfenbenennung zu ehren. Das w\u00e4re eine Art moralischer Wiedergutmachung der an den Sinti begangenen Verbrechen w\u00e4hrend der NS-Zeit<\/li><li>Die Historische Kommission sollte sich \u00f6ffnen f\u00fcr kontroverse Diskussionen. Sie sollte ein Forum kritischer Diskussionen werden, so etwas wie eine Moderatoren-Rolle f\u00fcr historische Gespr\u00e4che \u00fcbernehmen. Geschichtsbetrachtungen sind nun mal hin und wieder kontrovers. Die Historische Kommission sollte zu ihren Veranstaltungen \u00f6ffentlich einladen. Bis jetzt ist die Historische Kommission eine geschlossene Gesellschaft von Leuten, die vom Gemeinderat berufen wurden. Einige Geschichts-Diskussionen der vergangenen Jahre (Bsp. Disput OB\/IG-Metall) zeigen, dass die Mitgliederstruktur der Historischen Kommission nicht alle gedanklichen Str\u00f6mungen der Bev\u00f6lkerung umfasst. Also: \u00d6ffentlichkeit in der Historischen Kommission. Mittelfristig w\u00e4re zu pr\u00fcfen, die Historische Kommission \u201everwaltungsfern\u201c und \u201egemeinderatsfern\u201c zu organisieren, um sie so zu einem politisch unbeeinflussten Gremium offener Diskussion und Forschung zu machen.<\/li><li>Das Stadtarchiv sollte sich in den n\u00e4chsten Jahren m\u00f6glichst viele Akten \u00fcber Bruchsal in der NS-Zeit in Kopie aus anderen Archiven beschaffen. Zumindest w\u00e4re es sinnvoll, in anderen Archiven zu forschen und ein entsprechendes Findbuch aufzustellen, in dem nach und nach alle Aktenfunde aus anderen Archiven (in der Hauptsache Koblenz und Karlsruhe, aber auch andere) katalogm\u00e4\u00dfig aufgezeichnet werden. Das Stadtarchiv w\u00e4re hierzu mit den entsprechenden Mitteln auszustatten<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Oberb\u00fcrgermeister, lieber Bernd,gerne komme ich Deiner Aufforderung nach, einen Vorschlag f\u00fcr die Gestaltung einer Gedenkst\u00e4tte auf dem Gel\u00e4nde der ehemaligen Psycha zu unterbreiten. 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